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Brotpassion

Brot zu backen ist meine Passion

Über wen schreibe ich hier, wie kann man starten? „Über die wichtigste Person in meinem Leben und jetzt fange an zu schreiben“ sagt meine bessere Hälfte.

Eine der ersten Erinnerungen die ich mit Sauerteig Brot verbinde ist, wie die kleine Margarete das alte Brot in Stückchen reißt und es in eine große weiße Emaille Schüssel rein gibt. Nein, ich konnte nicht über den Tisch gucken. Hierfür habe ich einen Holzhocker benutzt. Regelmäßig hat mein Papa Alfons aus altem schlesischen Brot eine Brotsuppe zum Abendbrot zubereitet und sie mit mir geteilt. Ich erinnere mich an den kräftigen Duft der Brühe, die würzigen Aromen aus Knoblauch, Majoran und Zwiebeln sowie den Geschmack der Brotstücke, die in der Brühe quellten. Immer wenn mein Papa eine Brotsuppe zubereitet hat, habe ich ihm geholfen sie aufzuessen. Das sind die schönsten Erinnerungen an ihn und das Brot meiner Heimat – er verstarb als ich 8 Jahre alt war.

Die kleine Margarete und ihr Ball

Das ist mein einziges Familienfoto auf dem wir alle gemeinsam zu sehen sind

Eine weitere Erinnerung die ich mit Brot verbinde ist, wie mich meine Frau Mama Bärbel, regelmäßig zum Dorfbäcker geschickt hat und zwar nicht in das Geschäft, nein, ich klopfte an der Hintertür der Bäckerei an und erhielt ein frisches, warmes, mild-säuerlich duftendes Brot in meine kleine Hände gelegt. Von der Bäckerei zu uns nach Hause war es nur ein kleiner Fußmarsch von fünf Minuten. Alles in unserem Dorf Zebowice Föhrendorf war fußläufig gut zu erreichen, denn unser Dorf zählte mit den umliegenden Ortschaften so um die 400 Bewohner. In diesem Dorf gab es eine Kirche, eine Gaststätte, einen Metzger und Bäcker sowie eine Schule, die ich besuchte. Wir wohnten in einem roten Backsteinhaus mit einem großen Obst- und Gemüsegarten und einem kleinen Pool mitten in unserem Gemüsegarten. Welche Arbeit auf dem Hof anfiel oder was gegessen wurde, war von den Jahreszeiten abhängig. Wir lebten zum großen Teil als Selbstversorgen und hatten nicht viel, waren aber sehr glücklich. Mein Dorf lag umringt von Wiesen und Feldern – ein Stück Paradies auf Erden.

Das Haus meiner Kindheit

Der Dorf Weiher – dort verbrachte ich so manche Stunde

Unsere Dorfkirche – hoch oben im Turm habe ich mit meinem Bruder Videos von unserem Dorf zu jeder Jahreszeit gedreht

Diese fünf Minuten in denen ich das Brot Heim trug gehörten mir. Ich hielt es mit beiden Händen fest an meine Brust gedrückt, als wäre es mein Schatz. Der warme wohlige Duft des Sauerteig Brotes begleitete mich den ganzen Heimweg. An dieser Stelle muss ich gestehen, ich erlag jedes Mal dem betörenden Duft und habe ein wenig von dem Knust gekostet. Langsam gekaut habe ich die malzig-säuerlichen Aromen auf meiner Zunge tanzen geschmeckt – ich war schon als Kind ein Genießer. Glückselig zu Hause angekommen habe ich das Brot in die Obhut meiner Mutter gegeben, sie schaute mich jedes mal lächeln an und fragte, ob es mir geschmeckt hätte. Dann nahm sie ein großes Messer und schnitt ein Kreuz in die Oberfläche des Brotes ein, erst dann durfte es von den anderen Familienmitgliedern verzehrt werden. Erst als erwachsende Frau erfuhr ich, dass meine Mutter als Kind dieselbe Gewohnheit besaß wie ich, nur dass ihre Mutter, also meine Großmutter Uszula eine miserable Köchin aber eine hervorragende Bäckerin war und meine Mutter immer als erstes den Knust abgeknabbert hat.

Drei Generationen Bäckertradition

Als meine Mutter mit mir 1987 nach Deutschland geflohen ist, hat sie neben einem Startkapital, dass in ein Wollknäuel eingewickelt war, auch ihren Roggensauer mitgenommen. Diesen benötigte sie für die Zubereitung unserer traditionellen Sauerteig Suppe Zur. Sauerteig war kostbar – und so nahm sie ein Stück Heimat in die Fremde mit. Mittlerweile ist meine Mama über 70 Jahre alt und hat immer noch einen Roggensauer im Kühlschrank.

Im weiteren Verlauf meiner Kindheit und Jugend habe ich viel von meiner Frau Mama, die eine begnadete Köchin und Kuchenbäckerin ist, gelernt. Ich erinnere mich gerne an all unsere schönen Momente in der Küche: beim Zubereiten von Kuchen durfte ich die Rührschüssel fest halten und anschließend die Teigreste ausschlecken. All ihre Backgeheimnisse hat sie mir Lauf der Jahre anvertraut und so meine Passion forciert. Auch heute gibt es nichts Schöneres für mich, als gemeinsam mit meiner Frau Mama die Küche zu rocken!

Mit 11 Jahren beschloss ich meine Mitgeschwister wie Fisch und Tiere nicht mehr zu konsumieren und setzte mich für den Tier- und Umweltschutz ein. In den 90er Jahren gab es nicht so eine große Auswahl an biologischen Lebensmitteln wie heute und das einzige Bio-Lebensmittelgeschäft lag 30 Km von meinem Wohnort entfernt. Selbst im Restaurant, wenn man den Kellner fragte, ob es denn etwas Vegetarisches auf der Speisekarte gebe, wurde man angeschaut wie einer der nicht von diesem Planeten ist. Ohne Internet und vegetarische Produkte blieb mir nichts anderes übrig als selbst kreativ in der Küche zu werden.

Später habe ich mich für eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin entschieden. Während meiner Ausbildung habe ich viele sinnvolle Inhalte gelernt, die heutzutage leider nicht mehr in diesem Umfang vermittelt werden. Eins dieser Unterrichtsfächer hieß Trophologie (Ernährungswissenschaft) und wurde von einem Ökotrophologen geleitet. Wir haben fundierte Kenntnisse zu Biochemie, Physiologie, Ernährungslehre, Ernährungsökologie, Ernährungsmedizin und Diätetik erhalten. Zu jener Zeit war es üblich, dass Altenpfleger  Ernährungspläne für ihre Patienten schrieben. Viele Erkrankungen erfordern eine spezielle Ernährung, um Symptome bzw. eine Verschlechterung der Krankheit zu vermeiden. Ebenso können Operationen oder bestimmte Behandlungen wie eine Chemotherapie eine besondere Ernährung erfordern.

Nun konnte ich auch in der Arbeit meiner Passion nachgehen und Menschen trotz ernährungsbedingter Einschränkungen wie bei Demenz, Diabetes, Osteoporose, Schluckstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen, Parkinson, Depressionen, Arthrose, Krebs, chronischen Wunden, Bluthochdruck oder Muskelschwund ein genussvolles Leben schenken.

Der Mix aus anspruchsvollen pflegerischen, sowie medizinischer Aufgabengebiete und der Umgang mit Menschen hat mich begeistert und 15 Jahre durch meine Tätigkeit als Fachkraft getragen.

Dazwischen habe ich einen längeren Ausflug in die Welt der Köche gemacht. Mein erster Mann war ein ausgezeichneter Koch in einem ehemaligen Spitzenrestaurant Noodles in Bielefeld. Also beschloss ich eine Ausbildung zur Köchin zu machen. Meine Ausbildung startete ich im Bonne Auberge einem französischen Restaurant. Dort habe ich gelernt wie man ruhig und konzentriert arbeitet, trotz a la Carte Geschäft, Geburtstagsgesellschaft und Straßenverkauf (es war gerade Stiftsmarkt). Dort habe ich den Hefeteig lieben gelernt: Für den Stiftsmarkt, ein Quartiersfest habe ich einen Monat lang jeden Tag mehrere Backformen Pflaumenkuchen mit Hefeteig vorgebacken und diesen in einem begehbaren Kühltruhe gelagert. Einige Zeit dort in der Küche war ein Hai mein Nachbar, welcher im Waschbecken gewässert wurde. Mein damaliger Chef wollte unbedingt einmal Hai zubereiten, nur wie kann man die Gräten entfernen? Als heraus kam, dass es unproblematisch ist die Gräten zu entfernen, da ein Hai keine besitzt, war es auch zu spät für den Fisch. Man merke: Hai ist nicht sehr lange haltbar. Die Zeit war schön, aber es trieb mich in ein anderes Lokal im Bielefelder Westen. Da ich bereits eine abgeschlossene Ausbildung besaß wollte ich meine Ausbildungszeit im neuen Betrieb verkürzen, jedoch war mein damaliger Chef dagegen. Also bin ich weiter gezogen…

In einer vegetarischen Bio zertifizierten Großküche Emilo habe ich auch ohne Ausbildungsvertrag meine Herausforderung gefunden. Emilio produziert Essen für Kindergärten, Schulen und Festlichkeiten. Es war eine enorme Umstellung für mich: raus aus der normalen, kleinen Gastroküche mit gewöhnlicher Größe der Töpfe und Pfannen – in eine Großküche mit sechs 150 Liter Kesseln und riesigen Multibrätern. Ich habe für Kinder sehr gerne gekocht, denn sie sind die härtesten Kritiker überhaupt. Wenn unsere Lieferanten von der Tour zurückgekehrt sind haben wir uns gemeinsam das Feedback der Kinder angeschaut. Die Kinder durften jeden Tag das Essen schriftlich oder gemalt bewerten, in einer Zeit als es noch kein Facebook und Instagram gab. Einmal in der Woche wurde Brot u.a. auch von mir in zwei großen Konvektomaten gebacken.

…immer lecker was gebacken

Die Arbeit für Kinder und mit Kindern hat mir unheimlich viel Freude bereitet. Neben Verköstigung von hungrigen Kindermägen fanden auch regelmäßig Seminare für Kinder statt. Die Kinder durften die Kessel ausprobieren und stiegen neugierig hinein, staunten wie groß diese sind. Mathematische Regeln übten sie auf der großen Lebensmittelwaage, indem sich die Kinder so positionieren, dass die Waage im Gleichgewicht war. Zwischen praktischer Lebensmittelkunde und staunenden Kinderaugen war es herrlich von den Kindern zu erfahren, welche Gemüse-, Obst- und Getreidesorten sie kennen und was sie über deren Herkunft wissen. Auf die Frage wo Spinat wächst antwortete ein kleiner Junge „In der Tiefkühltruhe.“ Aber auch dort bin ich nicht mehr…

Zurück in der Altenpflege entwickelte sich der Wunsch Berufsschulpädagogin für Gesundheit und Pflege zu werden. In dieser Zeit habe ich meine jetzige bessere Hälfte kennengelernt. Also schrieb ich mich an der Fachhochschule Bielefeld ein. Meine Studienzeit habe ich genossen, denn als Kreativkopf habe ich in die vielfältigsten Bereiche reinschnuppern dürfen oder bestimmte Skills erweitern können. Eine der wertvollsten Erfahrungen für mich. Ein Studium ist aber kein Zuckerschlecken und streckenweise auch mit Stress behaftet. Im Studium habe ich mich vertieft mit Themen wie Mentales Training und Coping-Strategien beschäftigt und so suchte ich eine Möglichkeit mein Studentenleben zu entschleunigen und einen praktischen Ausgleich zu meiner theoretischen Arbeit zu finden. Da ich schon immer gerne Brot oder Pizza gegessen und gebacken habe meldete ich mich bei Facebook in einer Backgruppe an. Angespornt durch den Austausch mit Gleichgesinnten entflammte meine Brotpassion und so begann ein Lernprozess, der bis heute andauert.

Meine lieblings Kommilitonin Kathi und ich

Nach so viel Kopfarbeit muss ich mit meinen Händen arbeiten: Backen entspannt und macht satt

Wie bin ich zum Brot-bloggen gekommen? Das hatte damals vielerlei Gründe:

  1. Meine Freunde fragten mich regelmäßig nach Rezepten, auch wenn sie das Rezept in 15facher Ausführung besaßen – irgendwann wird es…
  2. Wir verreisen gerne und um überall Zugriff auf meine Rezepte zu haben, ohne meine lose Sammlung mitnehmen zu müssen, musste eine Lösung her.
  3. Immer mehr Backhomies wollten meine Brot-Rezepte nachbacken und um diesem Ansturm gerecht zu werden, benötigte ich eine Plattform.

In der alten Backgruppe herrschten strenge Sitten und Bräuche und man durfte keine Werbung für seinen Blog bzw. Backwaren machen. Also richtete ich mir einen Blog Namens Back- und Kochstube bei Google ein, nannte mich Imagina von Rosenberg in der Hoffnung ich könnte unbemerkt meine Rezepte teilen. Ups, bin aufgeflogen und gegangen worden.

Einige Mitglieder der alten Backgruppe haben einen eigenen Backtempel gegründet Backfreunde mit Herz. Diese wundervollen Menschen unterstützen sich gegenseitig und es herrscht eine familiäre Atmosphäre – hier fühle ich mich zu Hause. Zur meiner Hochzeit überraschten mich all diese lieben Menschen mit wunderschönen teils selbst gebastelten Glückwunschkarten und kleinen Präsenten. Auch wenn ich nicht immer in der Gruppe aktiv sein kann, so bin ich immer mit dem Herzen da.

Ein Unterricht ohne Lachen ist ein toter

Mein Studium habe ich mit einem Mastertitel in Berufspädagogik für Gesundheit und Pflege erfolgreich abgeschlossen, nur was tun mit solch einem Abschluss? Hier geht es um mich und Brot, darum habe ich mich oben nicht zu der Situation in der realen Pflege ausgelassen und ich werde es jetzt nicht bezüglich der Ausbildung von Pflegekräften tun. Das wichtigste hier: Marvin erblickte in klirrender Kälte das Licht der Welt.

Gestrandet bin ich auf einem Berufskolleg und durfte dort viele interessante Schülerpersönlichkeiten kennenlernen. Ich hatte und habe alle meine Schüler lieb, aber wie die Missfits sagen würden, den meisten „fehlte die Mutter“. Die schlimmste Fack U Goethe Klasse ist Urlaub gegen 32 Schüler ohne Hauptschulabschluss, von denen über die Hälfte sonderpädagogischen Bedarf hatten. Nur wer denkt, dass Schüler ruhig sind nur weil man sie darum bittet, den Raum verlassen nur weil man sie dazu auffordert oder das Gelände verlassen nur weil die Schulleitung sie suspendiert und nach Hause geschickt hat, den empfehle ich ein Praktikum an einer Ersatzschule. Neben diversen Prügeleien, gelegentlichen Zerstörungen, regelmäßigem Drogenmissbrauch und vereinzelter Brandstiftung im Klassenzimmer, habe ich viele schöne Erlebnisse mit den Schülern gehabt. Jeder der länger mit Kindern und Heranwachsenden arbeitet weiß, dass man Bücher mit den Erfahrungen füllen könnte. Hier zwei meiner Lieblingszitate: „Ich kann am Unterricht nicht teilnehmen, Sie müssen das verstehen, ich habe mich die ganze Nacht mit meinem Freund gezofft, der hat mich die ganze Nacht wach gehalten, Sie müssen das verstehen, ich kann nicht am Unterricht teilnehmen.“, oder nach dem ich bereits seine Schürfwunden am Rücken, sowie diverse schwere Werkzeuge bewundern durfte (u.a. benutzte er ein Schweißgerät im Politik Unterricht), teilte mir ein eigentlich sehr lieber aber simpler Schüler mit, dass er auch eine Knarre zu Hause hätte und ob ich diese mal sehen wollte. Ich lehnte dankend ab. Sowie das Backen im Studium mein Lernstress minderte, so half es mir nun mit der Situation umzugehen – und nicht nur mir. Ich habe u.a. mit den Schülern die Verpflegung für das Abschlussfest zubereitet und auch hier wurde fleißig gebacken. Zu Belohnung versorgte ich meine Schüler mit Cookies und meine Kollegen mit Hefeteilchen sowie Broten. Eine bleibende Erinnerung ist Rosen Hefewasser, welches ich aus dem alten Rosenbestand vor der Schule angesetzt habe und welches immer noch in meiner Küche steht. Viele Liebe Grüße an alle meine alten Schüler, an euch lag es nicht, dass ich weiter gezogen bin.

Meine nächste Station als Lehrerin für angehende Altenpflegefachkräfte lag näher an meinem Studiengang und das Klientel war nicht ganz so herausfordernd, aber ebenso wie meine Kollegen trotzdem dankbare Abnehmer für meine Backwaren. Dies schaffte mir mehr Zeit für Kreativität. Zu dieser Zeit entstand der vegane + zuckerfreie Hefezopf, das allseits beliebte Happy Hanf Brot, die Chia Dinkel Sonne, die Wurzelstangerl und viele andere Rezepte. Zudem wurde ich das erste Mal als Brotblogger wahrgenommen und für ein Werbeshooting gebucht, es war eine absolut aufregende Erfahrung, die mich weiter anspornte. Die Anfänge der Zusammenarbeit mit dem Brot Magazin fallen ebenfalls in diesem Zeitraum. Und so begannen kleine Blogger-Träume größer zu werden.

Damit auch andere Träume wahr werden konnten sind wir von der Stadt auf das Land gezogen. So entkam ich meiner kleinen, kalten Studentenbutze und der 40×40 cm Arbeitsfläche in meiner vollgestopften Miniküche. Es ist toll seine Backutensilien in der Küche zu lagern und nicht im Wohnzimmer. Aus einem Gärkörbchen wurden viele und noch ein paar mehr. Zu meinem (oder seinem) Glück habe ich meinen Mann nie sagen gehört „Das ist dein 15 Gärkorb, wozu noch ein 16ter?“ Er freut sich immer, wenn ich ihn füttere. Nun genieße eine Arbeitsplatte die des Namens würdig ist, zwei Backöfen, Stauraum ohne Ende und Locations jeglicher Couleur.

Wie es weitergeht hängt auch von euch ab. Im Moment tippe ich die letzten Zeilen bevor mein Blog online geht. Ich werde weiter für euch backen, freue mich, wenn ihr mit mir backt und bin gespannt wohin die Reise geht.

Die Backstube ist mein Klassenzimmer

Brotpassion – natürlich gutes Brot backen